KULTUR

ARTIGE KUNST – Kunst und Politik im Nationalsozialismus

Mit „MuT-Proben“ in Form von Vorträgen erfreut das Bochumer „Museum unter Tage“ alle zwei Monate seine Besucher. Mit seiner aktuellen Ausstellung „Artige Kunst“ stellt es sich einer anderen Mutprobe, denn hier geht es um nationalsozialistische Kunst.

Treffenderweise begegnet man ihr im Museum unter Tage fast wie in einem Bunker hinter einer schweren Sicherheitstür. Aber eben nur „fast wie“, denn mittels seiner unterirdischen Lage fügt sich das Museum harmonisch in das Ensemble von Park und Schlossruine ein, ohne mehr Platz an der Oberfläche zu beanspruchen als unbedingt nötig. Im Inneren stellt es sich als schlicht, hell und freundlich dar und beweist wie man mit entsprechender Technik auch ohne Fenster den Eindruck von sonnendurchfluteten Räumen erzeugen kann.

In dieser Atmosphäre wirkt die artige Kunst auf den ersten Blick gar nicht unartig. Madonnenhafte Frauenbilder, bäuerliche Landschafts- und Familienidyllen wechseln sich mit monumentalen Architekturvisionen oder mit mythisch und märchenhaft verklärten, heroischen Szenen ab, wie man sie in Ansätzen aus der Zeit der Romantik oder der Deutschrömer kennt. Genauso finden sich Anleihen aus der Renaissance, dem Barock, der Klassik oder dem deutschen Impressionismus. Erst in der näheren Betrachtung, wenn man die wie ein Kontrastmittel dazwischen hängenden regimekritischen Bilder, die Fotos von Massengräbern oder die Innenansichten von Konzentrationslagern bewusster wahrnimmt, erkennt man die Bildelemente, mit denen die NSDAP die Kunst benutzte, um bestimmte Inhalte zu transportieren und den Betrachter langsam aber sicher zu indoktrinieren.


Besonders deutlich wird das in Erwin Hahs „Großem Requiem“, bei dem erst durch eine Röntgenuntersuchung herauskam, dass es ursprünglich für eine politisch motivierte Auftragsarbeit – ein Hitlerporträt – aufgrund von Gewaltszenen nicht „artig“ genug war und deswegen übermalt werden musste.

Viel gefährlicher waren und sind bis heute die scheinbar harmlosen Motive wie Hans Schmitz-Wiedenbrücks „Familienbild“ mit einer bäuerlich angehauchten Idylle müßiger Eintracht. Die scheinbare Versunkenheit aller Familienmitglieder in Spiel und häusliche Handarbeiten täuscht nicht darüber hinweg, dass es sich hier um eine Art Heiliger Familie handelt. Durch das danebenhängende Plakat „Gesunde Eltern – gesunde Kinder“ zur „Bekämpfung erbkranken Nachwuchses“ wird sie jedoch ad absurdum geführt, denn etwas fehlt in diesem und allen anderen NS-Bildern – Andersartigkeit. Es gibt keine individuellen Merkmale, keine Krankheiten, keine Behinderungen, keine Unvollkommenheit. Seien es die Bildfiguren, der Malstil oder die Form der Skulpturen, alles wirkt wie Abziehbilder, wie Schablonen eines Idealmaßes. Nur die Idee der Masse, der Einheit zählt. Die Kunstpolitik der Nazis ließ nichts Neues zu, nur das Alte wurde immer wieder aufgewärmt. Auch aus diesem Grund wurde in den Bildern keine „intelligente“ Handlung und kein technischer Fortschritt dargestellt, denn geistige Arbeit bedingt individuelles Denken und hebt den Menschen aus der Masse heraus – körperliche Arbeit kann dagegen als Automatismus genutzt werden. Bildzitate aus älteren (akzeptierten) Meisterwerken gibt es dagegen zuhauf. So macht Ivo Seligers „Rast der Diana“ Anleihen bei Edouard Manets „Olympia“. Andere Maler zitieren Bilder von Hans von Marées, Hermann Otto Hoyer erinnert in Farbe, Strich und Faltenwurf seines „Bauernmahl“ an den Stil von Ferdinand Hodler. Erich Mercker greift mit seinem Bild der „Granitbrüche Flossenburg“ die Landschaftsbilder des Amerikanischen Realismus auf und fügt die blau gekleideten Zwangsarbeiter beinahe romantisch in die Gewalt des Steinbruchs ein. Mit einer ganz anderen Art von Gewalt konfrontiert Horst Strempels „Nacht in Deutschland“ den Betrachter. Im Entwurf sitzt ein schnauzbärtiger, wie ein Skelett grinsender SS-Mann mit der neunschwänzigen Katze in der Hand am Eingang eines Lagers. Das fertige Bild thematisiert in Form eines Triptychons die Szenen eines KZs. Kinder strecken ihre Arme mit den eintätowierten Nummern dem Betrachter entgegen, Erwachsene kriechen in gebückter Haltung durch beklemmend niedrige Räume. In Anbetracht der noch härteren Wirklichkeit innerhalb der Konzentrationslager lässt das Bild nur ein Fazit zu: alle sitzen im KZ und sind unfähig, wirkungsvollen Widerstand zu leisten.

Der Kunsthistoriker Felix Nussbaum gibt seiner tief sitzenden „Angst“ durch einen im Hintergrund seines Selbstporträts eingefügten Zeitungsausschnitt mit dem Titel „Tempête sur l’Europe“ Raum und Karl Schwesig verarbeitet gleich zu Anfang der Ausstellung seine traumatischen Erfahrungen mit den Verhörmethoden der Nazis in comicartigen Tuschezeichnungen. Je mehr man sich mit der Ausstellung auseinandersetzt, desto deutlicher wird die Diskrepanz zwischen dem lehrbuchartigen Charakter der „artigen“ Kunst und dem durch persönliches Erleben bestimmten der „entarteten“ Kunst. In der Landschaftsmalerei führt dies bei den akzeptierten Künstlern zu überdimensionierter Realitätsnähe, Spruchbändern mit NS-konformen Lehrsätzen und dem Ausschluß jeglicher Abstraktion als Abkehr von der Norm. Dementsprechend eckten die vielschichtigen Bilder von Conrad Felixmüller, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky an, weil sie aus der Norm ausbrachen. Max Beckmann entwarf dagegen ganz bewusst eine eigene Bildsymbolik, um Missstände anzuprangern und zum Widerstand gegen die vorherrschende Gewalt aufzurufen.

Einer der stärksten Kontraste der Ausstellung findet sich in der Distanz zwischen den Skulpturen von Arno Breker und Karel Niestrath. Breker präsentiert mit seinem antikisierenden Kouros eine Schablone, die bar jeder Individualität ist, während Niestraths „Hungernde“ den Betrachter in seiner existentiellen Wahrnehmung packt und damit an einer Position abholt, die dem Nationalsozialismus nicht genehm war – der Wahrheit. Infolgedessen wurde Niestraths Skulptur beschlagnahmt und in der Feme-Ausstellung als „entartet“ ausgestellt.

In der Bochumer Auseinandersetzung mit diesen beiden so unterschiedlichen Kunstauffassungen wird aber auch die Bedeutung von Licht und Luft für die unvoreingenommene Betrachtung von Kunstwerken deutlich. Um dem Publikum den Eindruck miesester Qualität zu suggerieren, jegliche Sympathie auszuschließen und die Berechtigung der Beschlagnahme, des Verkaufs und der Zerstörung von 16.000 Kunstwerken zu unterstreichen, stellten die Nazis die geraubte und sogenannte „entartete“ Kunst in dunkler, ungeordneter Hängung oder in engen, schlecht zugänglichen Ecken aus. Im Gegensatz dazu unterstreicht die helle Hängung von heute ihren Stellenwert als Meisterwerke. Bei den „artigen“ Bildern wirkt sich die gleiche übersichtliche Hängung und Aufstellung interessanterweise völlig anders aus. Für sich genommen, können die Werke noch den Eindruck scheinbarer Idylle vermitteln – in der Masse fühlt man sich als Betrachter von den zum Teil grotesken Instrumentarien der NS-Propaganda förmlich erschlagen. Gräbt man tiefer, finden sich auch hier kritische Details, die sich hinter der Maske der „artigen“ Kunst verbergen und vielleicht noch die eine oder andere Überraschung zutage fördern können.

Situation Kunst (für Max Imdahl)
Museum unter Tage
Nevelstr. 29c (im Parkgelände von Haus Weitmar)
44795 Bochum
www.situation-kunst.de

Cornelia Kesper