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Nachlese: Das Wunder der Heliane – Wenn die Hoffnung stärker ist als die Macht

Es gibt Opernabende, die beginnen mit Musik. Und es gibt Opernabende, die beginnen mit einem Zustand. Mit einer Atmosphäre, die sich noch vor dem ersten gesungenen Wort über den Zuschauerraum legt.


Die Premiere von Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ am 3. Oktober im Essener Aalto-Theater gehört zur zweiten Kategorie. Dunkel ist diese Welt, in die Elisabeth Stöppler ihr Publikum führt. Eine Welt, in der Wasser knapp geworden ist, Licht zur Mangelware und Macht zum einzigen Gesetz geworden ist. Und mitten in dieser ausgetrockneten, von Kontrolle bestimmten Gesellschaft steht eine Frau, die sich dem System nicht unterwerfen will.

Heliane.

Korngolds 1927 uraufgeführte Oper ist kein leicht verdauliches Werk. Sie ist groß, pathetisch, erotisch, religiös aufgeladen und musikalisch von einer geradezu maßlosen Schönheit. Fast vier Stunden dauert der Abend inklusive zweier Pausen. Das ist lang. Sehr lang sogar. Aber es ist eine Länge, die hier zum ästhetischen Prinzip wird. Korngolds Musik will nicht nebenbei konsumiert werden. Sie verlangt Raum, Atem und Hingabe.

Und genau darin liegt die große Stärke dieses Essener Abends.

Das Wunder der Heliane

Eine Welt ohne Wasser

Regisseurin Elisabeth Stöppler nimmt Korngolds märchenhaft-düsteres Szenario nicht als historische Fantasie, sondern als politische Parabel. Ihre dystopische Welt ist beinahe erschreckend nüchtern. Das Wasser ist nahezu verschwunden und wird von den Mächtigen kontrolliert. Der Herrscher regiert nicht nur über Menschen, sondern über deren elementare Lebensgrundlage.

Das ist ein kluger Zugriff.

Denn plötzlich erscheint Korngolds Oper nicht mehr wie ein exotisches Relikt aus den 1920er-Jahren. Sie bekommt eine Gegenwart.

Stöppler erzählt von einer Gesellschaft, in der Angst Ordnung schafft und Macht sich selbst legitimiert. Von einer Welt, in der Individualität verdächtig ist und Menschlichkeit als Schwäche gilt. Und sie setzt diesem System zwei Figuren entgegen: Heliane und den Fremden.

Ihre Waffe ist nicht Gewalt.

Es ist Menschlichkeit.

Das Bühnenbild von Katja Haß unterstützt diese Lesart mit einer bewusst reduzierten Ästhetik. Gegenüber der überwältigenden Musik verweigert die Bühne den großen dekorativen Überschwang. Das funktioniert erstaunlich gut. Je stärker Korngolds Orchester ausgreift, desto karger erscheint die Welt auf der Bühne.

Ein faszinierender Kontrast.

Astrid Kessler: keine Märtyrerin, sondern eine Frau

Im Zentrum aber steht Astrid Kessler.

Ihre Heliane ist keine entrückte Opernheldin, die einfach nur schön leiden darf. Kessler gibt dieser Figur Widerspruch, Verletzlichkeit und eine erstaunliche innere Kraft.

Das ist entscheidend.

Denn Heliane ist eine schwierige Figur. Sie ist Ehefrau eines Tyrannen, begehrt den Fremden, zeigt Mitgefühl und gerät dadurch in einen Konflikt, der schließlich über Leben und Tod entscheidet. Bei Kessler wird daraus keine bloße Liebesgeschichte. Ihre Heliane sucht nach einem Ausweg aus einer Welt, in der es eigentlich keinen Ausweg mehr gibt.

Dabei besitzt Kesslers Stimme genau jene Mischung, die Korngolds Musik verlangt: lyrische Schönheit und dramatische Durchschlagskraft.

Besonders eindrucksvoll sind jene Momente, in denen sich die Figur scheinbar gegen die übermächtige musikalische Umgebung behaupten muss. Kessler singt dann nicht gegen das Orchester an – sie scheint aus ihm herauszuwachsen.

Das ist eine große Leistung.

Tilmann Unger und Heiko Trinsinger

Ihr Gegenüber ist Tilmann Unger als Fremder. Seine Figur bringt in diese tote Welt etwas, das längst verloren schien: Freude.

Unger gibt dem Fremden dabei nicht die naive Unschuld eines Erlösers. Er bleibt Mensch – und gerade dadurch wird seine Begegnung mit Heliane glaubwürdig.

Heiko Trinsinger gestaltet den Herrscher dagegen als erschreckend kontrollierte Machtfigur. Interessant ist, dass seine Bedrohlichkeit nicht permanent ausgestellt werden muss. Sie entsteht gerade aus der Kälte dieser Figur.

Der Herrscher liebt Heliane nicht.

Er besitzt sie.

Und genau darin liegt die eigentliche Grausamkeit.

Auch Bettina Ranch als Botin setzt starke Akzente. In einem Werk, das stark von den drei zentralen Figuren dominiert wird, schafft sie mit ihrer Präsenz wichtige Kontraste.

Korngolds Musik: Schönheit als Überforderung

Doch dann ist da vor allem dieses Orchester.

Andrea Sanguineti stellt sich mit den Essener Philharmonikern einer Partitur, die sich jeder musikalischen Bescheidenheit verweigert. Korngold komponiert nicht klein. Er komponiert groß, emotional und mit einer geradezu verschwenderischen Lust an Klangfarben.

Man könnte ihm vorwerfen, zu viel zu wollen.

Zu viele Emotionen.
Zu viel Pathos.
Zu viel Schönheit.
Zu viel Orchester.

Doch gerade dieses „Zu viel“ macht die Faszination von „Heliane“ aus.

Sanguineti lässt die Musik atmen, ohne sie ihrer überwältigenden Wirkung zu berauben. Immer wieder entstehen Momente, in denen die Grenze zwischen Oper und sinfonischem Klangrausch verschwindet.

Dann ist Korngold ganz bei sich.

Und plötzlich versteht man, warum diese Musik Jahrzehnte lang unterschätzt wurde.

Sie passt in keine Schublade.

Sie ist spätromantisch und modern. Sinnlich und religiös. Hollywood vorausahnend und zugleich tief in der europäischen Operntradition verwurzelt.

Der schwierige Stoff

Natürlich hat die Oper auch ihre Schwächen.

Das Libretto von Hans Müller ist aus heutiger Sicht nicht immer frei von Überhöhung und Pathos. Manche Situationen wirken konstruiert, manche Wendungen geradezu monumental. Die Figuren sprechen nicht selten in einer Sprache, die dem modernen Theaterzuschauer fremd geworden ist.

Doch Stöppler versucht nicht, diese Fremdheit künstlich zu kaschieren.

Und das ist richtig.

Sie macht aus „Heliane“ keinen modernen Thriller.

Sie lässt das Stück sperrig sein.

Sie lässt es pathetisch sein.

Und sie vertraut darauf, dass Korngolds Musik dort weiterredet, wo die Sprache an ihre Grenzen kommt.

Ein Abend zwischen Sinnlichkeit und Schrecken

Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit der Erotik des Werkes.

Die berühmte Nacktszene – die ausdrücklich als Bestandteil der Inszenierung angekündigt wurde – ist kein nachträglich hinzugefügter Skandalreiz. Sie gehört zur Handlung und wird von Stöppler nicht voyeuristisch ausgeschlachtet. Gerade dadurch erhält sie eine eigentümliche Verletzlichkeit.

Hier geht es nicht um Provokation.

Es geht um die völlige Entblößung eines Menschen vor einer Gesellschaft, die über ihn richten will.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein großer Opernabend mit kleinen Fragezeichen

Nicht alles an dieser Produktion überzeugt gleichermaßen. Die enorme Dauer fordert Geduld, und gerade im Mittelteil verliert der Abend gelegentlich an dramatischer Spannung. Korngolds musikalischer Überschwang kann dann selbst zur Belastung werden.

Doch das sind Einwände gegen einen Abend, der überhaupt etwas wagt.

Das Aalto zeigt mit „Das Wunder der Heliane“ eine Oper, die man nicht zwingend spielen muss. Man könnte sie auch im Archiv lassen. Sie ist aufwendig, teuer, lang und personell anspruchsvoll.

Dass Essen sie dennoch auf die Bühne bringt, ist ein Statement.

Und ein gelungenes dazu.

Denn diese Produktion zeigt, dass Korngolds Oper weit mehr ist als ein vergessenes spätromantisches Kuriosum.

Das Wunder liegt in der Musik

Als am Ende der Fremde tatsächlich aus dem Tod zurückkehrt und die Macht des Herrschers zerbricht, ist das Wunder weniger religiös als menschlich.

Es ist die Vorstellung, dass eine Gesellschaft, die auf Angst gebaut ist, dennoch verändert werden kann.

Nicht durch Gewalt.

Sondern durch Liebe, Mitgefühl und die Entscheidung, Mensch zu bleiben.

Das klingt vielleicht pathetisch.

Aber genau das ist Korngolds „Heliane“.

Und vielleicht liegt gerade darin ihre überraschende Aktualität.

Nach fast vier Stunden verlässt man das Aalto-Theater deshalb nicht unbedingt mit dem Gefühl, eine perfekte Oper erlebt zu haben. Aber man verlässt es mit dem Gefühl, einen ungewöhnlichen, musikalisch überwältigenden und gedanklich durchaus unbequemen Abend erlebt zu haben.

„Das Wunder der Heliane“ ist in Essen keine museale Wiederentdeckung geworden. Elisabeth Stöppler macht aus Korngolds Oper ein Stück Gegenwartstheater – dunkel, sinnlich, politisch und immer wieder von einer Musik überwältigt, die größer sein will als jede Bühne.

Und vielleicht ist genau das ihr größtes Wunder.

Die Produktion ist noch mehrfach zu sehen; die nächsten Termine sind u. a. der 11., 17., 23. und 31. Oktober sowie der 13. November und 13. Dezember 2026.