POLITIK

Essener Lokalpolitiker über Altenessen: „Empfehle jedem, hier wegzuziehen!“

Essen: Der Essener Lokalpolitiker Thomas Spilker schrieb in einem Facebook Kommentar über seinen Stadtteil Altenessen „Ich empfehle jedem, hier wegzuziehen!“ und löste damit eine Welle der lokalen Berichterstattung in den Medien der FUNKE Mediengruppe aus. Wir veröffentlichen in diesem Beitrag die komplette Antwort von Spilker an den Chefredakteur Metin Gülmen (DER WESTEN).

Anfrage DER WESTEN

Betreff: Presse-Anfrage DER WESTEN: Warum man aus Altenessen wegziehen sollte

Sehr geehrter Herr Spilker,

mein Name ist Metin Gülmen, ich bin Reporter beim Nachrichtenportal DER WESTEN (FUNKE Mediengruppe) und habe mit Interesse Ihre Aussagen über Altenessen bei unseren WAZ-Kollegen gelesen. Ich hätte zum Thema noch einige Nachfragen:

1.) Warum genau halten Sie Altenessen für nicht mehr wohnenswert?
2.) Wo liegen Ihrer Meinung nach die Probleme des Stadtteils?
3.) Was kann die Politik tun, um Altenessen wieder lebenswert, gerade für die Alteingesessenen, zu machen?
4.) Wie bewerten Sie die Bereitschaft zur Aufnahme von Zuwanderern, die Integration benötigen?

Vielen herzlichen Dank im Voraus!

Antwort Spilker

Hallo Herr Gülmen,

herzlichen Dank für ihre Nachfrage.
Gestatten Sie mir zunächst eine Anmerkung.
Der Bericht in der WAZ Lokal Essen ist Ergebnis eines Facebook Kommentars von mir zu einem Sozialarbeiter Herrn Thomas Rüth der AWO. Herr Rüth ist mir lange bekannt und betreut den Stadtteil Altenessen . Er ist Mitarbeiter der AWO. Aufgrund längerer, sehr positiver Diskussionen, kennen wir uns und können auch Textauszüge richtig interpretieren. Genau die von Ihnen nachgefragten Punkte sind im wesentlichen Kern des Schriftwechsels gewesen.

Daher bin ich gerne bereit ihre Fragen zu beantworten, gerne stehe ich Ihnen für Fragen auch telefonisch zur Verfügung. Vorweg, ich bin gebürtiger Altenessener, meine Familie lebt seit mehreren Generationen in Essen und ist im Rahmen der Industrialisierung nach Essen gekommen.
Ich lebe gerne hier, und mein Ziel in der politischen Arbeit war es immer für den Essener Norden zu arbeiten, als Privatmann, nicht als Politiker, pflege ich häufig u sagen „mein Essener Norden“. Ich lebe also gerne hier, und werde dies auch weiterhin tun.

Ich halte Altenessen weiterhin für wohnenswert, aber es müssen viele Probleme gelöst werden, ich habe hierzu an anderer Stelle ausgeführt: wer die Probleme schnell gelöst sehen will, dem kann man nur empfehlen von hier wegzuziehen, denn dieser Prozess wird langwierig sein. In den letzten 30 Jahren hat sich die Wohnqualität des Stadtteils und der im Essener Norden deutlich verschlechtert. Der Stadtteil ist verkehrlich stark belastet, über 30 Jahre wurde die Entscheidung über die Durchstreckung der A52 immer wieder hingezogen. Persönlich befürworte ich den Bau dieser BAB, für den Stadtteil ist aber insbesondere wichtig das es mal eine Entscheidung gibt. Es muss dann akzeptiert werden wie sie ausfällt. So können neue Planungen ermöglicht werden. Die Bebauung wird von Politik und Verwaltung im Essener Norden nur halbherzig verfolgt, mit Bürgerbeteiligung wurde in der Stadt eine Liste der zu verkaufenden, zu bebauenden Grundstücke erstellt. Ein kleineres Grundstück n Altenessen, Seumanstr. 15 steht ganz vorne, eine Vermarktung ist seit Jahren nicht möglich. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, es verkommt als städtisches Gebäude zunehmen, die Fenster sind nach Zerstörung zugemauert. Lösung nicht in Sicht. Seit Jahren ist eine Marina am Kanal in der Planung, mit Holzklötzchen und Papier hat Politik und Verwaltung Vorstudien unternommen, nachdem zahlreiche Projekte gescheitert waren. Marina blieb als Arbeitstitel, seit dem Funkstille. Der ehemalige Milchhof liegt seit Jahren brach und verkommt zusehends, ein möglicher Investor legte Planungen vor, danach kehrte wieder Ruhe ein, nichts passiert. Der städtische Recyclinghof soll seit Jahren verlegt werden, fast tägliche Staus durch die Anlieferer werden seit Jahren übersehen. Wo in der Stadt neue Busspuren den Verkehr um 2 Minuten beschleunigen sollen, werden hier drei Linien teil 30 Minuten und länger ausgebremst. Die Nebengebäude der Zehe Carl, Denkmalschutz verkommen und werden als „Bodendenkmal“ enden. Die Vermüllung im Stadtteil ist besonders schlimm. Nur ständiges und hartes durchgreifen kann für Besserung, nicht für Abhilfe sorgen. Der Altenessener Bürger Thomas Sterner hat hier mit einer Plakatinitiative zur Eigenhilfe gegriffen, leider zunächst auch gegen Wiederstände aus der Politik.

Der Stadtteil hat eine überdurchschnittlichen Anteil an Ausländern, das Bild der Gastarbeiter der 70er Jahre hat sich verändert, heute prägen viel Asylbewerber und Geduldete das Bild des Stadtteils, der deutschen Sprache kaum mächtig. Schulklassen mit weit mehr als 50 % Kindern aus diesen Familien. Kommunale und private Initiativen leisten intensive Integrationsarbeit. Viel Geld , wenig Erfolg. (siehe hierzu auch Thomas Rüht, AWO).
Kriminalität und Bandenhaftes Auftreten stören das subjektive Sicherheitsempfinden. Autoraserei mit Nobelkarossen sind auf der Altenessener Str. an der Tagesordnung. Falsches Parken wird zur Tagesordnung.
Der Handel bekommt zunehmen Schwierigkeiten, Geschäfte machen zu, Dönerbuden bereichern das Stadtbild. Die verfügbare Kaufkraft, in den 80er Jahren noch durch starke Bergbaurentner geprägt vgl. Danneberg Gutachten Bez. V), sinkt. Die Grundstückswerte fallen. Vgl. Gutachterausschuss Stadt Essen Jahresberichte).
Die Schliessung der beiden Krankenhäuser im Norden verunsichern die Bürger, denn Gesundheit ist ein hohes Gut. Lösungen sind nicht in Sicht, bez. entsprechen nicht den Wünschen der Bevölkerung, die kurze Wege zur medizinischen Versorgung und kurze Hilfsfristen im Rettungsdienst berechtigt fordern.
Die Aufnahme von Integrationsmaßnahmen bei Ausländern sind unterschiedlich zu bewerten, insbesondere die junge Generation scheint mehr auf familiäre Clanstrukturen zu achten, unter dem Motto: wir werden das schon richten, als auf Bildung und Ausbildung zu setzen. Hier bedarf es erheblicher Anstrengungen. Vielfach kommt kriminelles Verhalten hinzu.

Dies alles zeugt nicht von optimaler Wohnqualität, aber es gibt viele, die diesen Stadtteil nicht aufgeben wollen, nur die Lösung der geschilderten Probleme, ganz egal, aus welcher parteipolitischen Überzeugung gesehen, dauert Zeit, viel Zeit.

Die Stadtgesellschaft und Politik muss zunächst die Probleme erkennen und nicht verdrängen. Werbegemeinschaften, Kaufmannschaft, Kirchen und Verbände machen bereits viel, brauchen aber finanzielle Unterstützung. Eine Aufnahme in das Projekt „soziale Stadt“ frühere Name „ Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ sind kleine Hilfen. Die Politik und Verwaltung muss Mut zeigen, und trotz knapper Personale in Bau und Planungsverwaltung nicht nur Leuchttürme anfassen, sondern dem Norden zumindest temporär die Priorität 1 geben. Die Verwaltung hat gute Leute, sie brauchen die Ermunterung von Politik und OB den Norden anzugehen. Das Land muss hierzu mehr Mittel bereitstellen um Grundstücke aufzukaufen. Insgesamt muss für eine bessere Durchmischung der Bevölkerung gesorgt werden.

Ich halte die Bereitschaft zur Aufnahme von Zuwanderern weiterhin für Groß, der Bergbau hat viele Nationalitäten im Ruhrgebiet zusammengefügt. Dies prägt auch noch heute. Es gilt aber auch, Gesetze, Bräuche und Gewohnheiten der Bürger zu akzeptieren und als wesentlichen Beitrag zur Integration die Sprache zu lernen. Wer sich kriminell verhält muss die Rechtsprechung kennen lernen, bis hin zur Abschiebung.

Ich hoffe ihre Fragen umfassend beantwortet zu haben, gerne stehe ich für Rückfragen zur Verfügung.

Mit besten Grüßen aus Altenessen
Glück auf

Thomas Spilker

Artikel in DER WESTEN

https://www.derwesten.de/staedte/essen/essen-altenessen-thomas-spilker-integration-fdp-id231052736.html