Skip to main content

„Vorhang!“ bei der Ruhrtriennale: Ein ebenso reizvolles wie widersprüchliches Experiment in der Gebläsehalle

Es ist einer dieser Abende, an denen man die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord nicht einfach mit einem eindeutigen Urteil verlässt. Begeisterung? Skepsis? Irritation? Wahrscheinlich von allem etwas. „Vorhang!“ bei der Ruhrtriennale am 27. August war keine Aufführung, die sich ihrem Publikum bereitwillig öffnete. Sie verlangte Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, Gewohntes für eine Weile auszublenden.


Und genau darin lagen ihre Stärke – und ihre Schwäche.

Schon beim Betreten der Gebläsehalle stellt sich jene eigentümliche Erwartung ein, die dieser Ort seit jeher erzeugt. Die riesige Industriearchitektur duldet keine Beliebigkeit. Sie ist zu mächtig, zu geschichtsträchtig, um bloße Kulisse zu sein. Wer hier Kunst zeigt, muss sich mit dem Raum auseinandersetzen. „Vorhang!“ tut das. Allerdings nicht immer mit derselben Überzeugungskraft.

Ein Programm gegen die Erwartung

Die Verbindung von Erik Satie und John Cage ist zunächst ein reizvoller Gedanke. Hier der französische Exzentriker, dessen Musik zwischen Ironie, Melancholie und kalkulierter Absurdität oszilliert. Dort der amerikanische Grenzgänger, der die Musik radikal für Zufall, Geräusch und Stille geöffnet hat.

Beide verbindet der Wille, Erwartungen zu unterlaufen.

„Vorhang!“ macht aus dieser Gemeinsamkeit keinen historischen Vortrag, sondern eine theatrale Versuchsanordnung. Musik, Bewegung und Performance geraten ineinander. Klänge werden gesetzt, unterbrochen und manchmal geradezu demonstrativ dem Raum überlassen.

Das ist klug gedacht.

Aber gutes Denken allein ergibt noch keinen großen Theaterabend.

Immer wieder entstehen faszinierende Momente. Dann wieder verliert sich die Aufführung in ihrer eigenen Idee. Nicht jede Unterbrechung erzeugt Spannung, nicht jede Irritation besitzt automatisch Tiefe. Bisweilen hat man den Eindruck, dass der Abend seine Brüche für bedeutungsvoller hält, als sie tatsächlich sind.

Das gehört zu den Risiken einer Kunst, die sich bewusst gegen Eindeutigkeit entscheidet.

Satie gewinnt den Charme, Cage die Tiefe

Besonders überzeugend ist „Vorhang!“ dort, wo der Geist Erik Saties aufscheint. Seine Musik besitzt jene seltene Fähigkeit, zugleich leicht und rätselhaft zu sein. Sie kann sich über den Ernst der Kunst lustig machen, ohne selbst belanglos zu werden.

John Cage hingegen verändert die Temperatur des Abends.

Mit ihm wird die Aufmerksamkeit größer, aber auch die Herausforderung. Plötzlich bekommt die Stille Gewicht. Ein Raum, der zuvor noch mit Erwartungen gefüllt war, beginnt selbst hörbar zu werden.

Hier liegt eine der stärksten Erfahrungen dieser Aufführung.

In der Gebläsehalle ist Stille niemals wirklich still. Der Raum arbeitet weiter. Man hört Bewegungen, Atem, kleinste Geräusche. Und irgendwann beginnt man als Zuschauer, das eigene Zuhören wahrzunehmen.

Das ist ein bemerkenswerter Effekt.

Die Gebläsehalle als stärkster Mitspieler

Man könnte sogar sagen: Der eigentliche Star des Abends steht nicht auf der Bühne.

Die Gebläsehalle übernimmt diese Rolle.

Ihre Dimension, ihre industrielle Vergangenheit und ihre fast körperlich spürbare Präsenz geben der Aufführung jene Größe, die ihr in manchen Momenten dramaturgisch fehlt. Wo die künstlerische Struktur ins Offene driftet, hält der Raum die Spannung.

Das ist einerseits ein großes Geschenk.

Andererseits stellt es auch die Frage, ob „Vorhang!“ außerhalb dieses Ortes dieselbe Wirkung entfalten würde.

In Duisburg funktioniert der Abend gerade deshalb, weil der Raum nicht dekorativ bleibt. Er widerspricht der Aufführung, überragt sie gelegentlich und zwingt sie dazu, sich immer wieder neu zu behaupten.

Die Kunst des Weglassens – und die Gefahr der Leere

„Vorhang!“ setzt auf Reduktion. Das ist sein ästhetisches Prinzip.

Doch Reduktion ist eine anspruchsvolle Kunst.

Nicht alles, was leer ist, ist deshalb auch bedeutungsvoll. Und nicht jede Pause wird durch ihre bloße Dauer zur künstlerischen Aussage. An einigen Stellen gerät der Abend in jene Zone, in der aus konzentrierter Stille bloßes Warten zu werden droht.

Das Publikum wird gefordert.

Manchmal vielleicht auch überfordert.

Aber genau hier unterscheidet sich eine interessante Aufführung von einer gefälligen. „Vorhang!“ geht das Risiko ein, dass nicht jeder Moment trägt. Dafür entstehen andere, die sich gerade wegen ihrer Unvorhersehbarkeit einprägen.

Ein einzelner Klang.

Eine Bewegung.

Ein plötzliches Innehalten.

Ein Moment, in dem die riesige Gebläsehalle beinahe den Atem anzuhalten scheint.

Dann ist „Vorhang!“ ganz bei sich.

Kein bequemer Abend – aber ein notwendiger

Am Ende bleibt für mich ein zwiespältiges, insgesamt aber positives Urteil.

„Vorhang!“ ist kein großer Abend, weil alles gelingt. Er ist interessant, weil nicht alles gelingt. Die Aufführung macht ihre Widersprüche nicht unsichtbar. Sie lebt von ihnen.

Man hätte sich hier und da mehr Konsequenz, mehr dramaturgische Präzision und den Mut zu einer stärkeren Zuspitzung gewünscht. Einige Ideen bleiben eher Behauptung als Erkenntnis. Manche künstlerische Geste verpufft, bevor sie wirklich Bedeutung gewinnen kann.

Aber dort, wo Musik, Raum und Stille tatsächlich zueinanderfinden, entwickelt dieser Abend eine ungewöhnliche Kraft. Man verlässt die Gebläsehalle nicht euphorisch.

Aber aufmerksam.

Und das ist vielleicht die passendste Wirkung für eine Aufführung, die sich so entschieden gegen den schnellen Beifall stellt. „Vorhang!“ verlangt nicht, dass man alles mag. Es genügt der Produktion, dass man zuhört. Der Vorhang fällt.

Die Fragen bleiben.

Das Urteil: Ein klug konzipierter, atmosphärisch starker und nicht immer überzeugender Abend zwischen musikalischer Avantgarde und performativer Versuchsanordnung. „Vorhang!“ gewinnt dort, wo er der Musik und dem Raum vertraut – und verliert etwas von seiner Wirkung, wenn die Idee wichtiger zu werden scheint als das unmittelbare Erlebnis.