Die Ruhrtriennale zeigte am Montagabend in der Gießhalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord mit „BREL“ eine Arbeit, die sich dem großen belgischen Chansonnier nicht durch Nachahmung nähert, sondern durch Bewegung. Anne Teresa De Keersmaeker und der junge Tänzer Solal Mariotte machen aus Brels Liedern keine Illustrationen. Sie machen aus ihnen Körper.
Schon das ist ein Wagnis. Denn wie soll man gegen eine Stimme antreten, die so unverwechselbar ist? Wie soll ein Körper die Wucht eines Chansons aufnehmen, ohne dabei zur bloßen Begleiterscheinung der Musik zu werden?
Die Antwort dieses Abends lautet: indem man nicht gegen die Musik antritt, sondern ihr zuhört.
Zwei Körper, drei Generationen
Anne Teresa De Keersmaeker, eine der großen Figuren des zeitgenössischen Tanzes, begegnet in dieser Produktion Solal Mariotte, der einer jüngeren Generation angehört und aus dem Breakdance kommt. Zwischen ihnen liegt nicht nur ein beträchtlicher Altersunterschied. Zwischen ihnen liegen unterschiedliche Bewegungssprachen, unterschiedliche Biografien und unterschiedliche Erfahrungen mit der Welt.
Und doch entsteht auf der Bühne erstaunlich schnell ein Dialog.
De Keersmaeker bewegt sich mit jener Konzentration, die ihre Kunst seit Jahrzehnten prägt. Nichts scheint zufällig, und doch wirkt vieles, als entstünde es genau in diesem Augenblick. Mariotte dagegen bringt eine andere Energie mit: kantiger, unmittelbarer, manchmal geradezu explosiv.
Wo sie einander begegnen, entsteht kein Wettbewerb der Generationen. Es ist eher ein Gespräch.
Und vielleicht ist genau das die schönste Idee dieses Abends: Dass Jacques Brel hier nicht als Denkmal behandelt wird. Seine Lieder gehören keiner Vergangenheit. Sie wandern weiter. Von einer Generation zur nächsten. Von der Stimme in den Körper. Von der Erinnerung in die Gegenwart.
Die Ruhrtriennale selbst beschreibt „BREL“ als Dialog zwischen Tanz und Chanson; die rund 90-minütige Produktion setzt dabei auf die Spannung zwischen Brels emotionaler Musik und zwei sehr unterschiedlichen tänzerischen Persönlichkeiten.
Die Gießhalle als Resonanzraum
Die Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord ist für einen solchen Abend mehr als nur ein Aufführungsort.
Draußen die industrielle Vergangenheit des Reviers, die dunklen Silhouetten des ehemaligen Hüttenwerks. Drinnen eine Bühne, auf der es um das geht, was bleibt, wenn das Leben seine Sicherheiten verliert: Liebe, Angst, Sehnsucht, Zorn. Brel passt in diese Umgebung.
Seine Lieder waren nie geschniegelt. Sie kannten das Scheitern und den Trotz, die Einsamkeit und die Wut. Und so bekommt die raue Architektur des Ortes fast unmerklich eine zweite Stimme. Stahl und Beton begegnen dem Chanson. Industriegeschichte trifft auf die Verletzlichkeit des einzelnen Menschen.
Es sind solche Momente, in denen die Ruhrtriennale zeigt, warum ihre Spielorte so wichtig sind.
Keine Nostalgie, sondern Gegenwart
„BREL“ ist kein Abend für Nostalgiker. Wer eine Hommage erwartet, die sich liebevoll an den großen Originalgesten des Chansonniers entlanghangelt, könnte überrascht werden.
Denn De Keersmaeker und Mariotte verweigern sich dem einfachen Zugriff.
Sie wollen Brel nicht spielen.
Sie wollen herausfinden, was seine Musik heute noch mit uns macht.
Mal entsteht daraus Humor, mal Zärtlichkeit. Dann wieder scheint die Bewegung gegen die Musik anzurennen, als müsse der Körper erst seinen eigenen Weg durch diese gewaltigen Gefühle finden. Gerade darin liegt die Kraft der Arbeit: Sie erklärt nichts. Sie bebildert nicht. Sie lässt offen.
Und sie vertraut dem Publikum.
Das ist in einer Zeit, in der Kunst oft schon vor dem ersten Blick erklärt werden soll, beinahe ein politischer Akt.
Der Körper übernimmt die Stimme
Am Ende dieses Abends bleibt weniger eine einzelne Szene zurück als ein Eindruck.
Zwei Menschen haben sich durch einen Kosmos aus Liedern bewegt, die viele im Publikum zu kennen glaubten. Und plötzlich hört man sie anders.
Vielleicht liegt darin die größte Leistung von „BREL“: Die Musik wird nicht vom Tanz überdeckt. Der Tanz legt sie frei.
Was bei Jacques Brel Stimme war, wird bei Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte Atem, Geste, Schritt, Stillstand.
Der Körper singt.
Und in der Gießhalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord singt er an diesem Abend erstaunlich lange nach.
„BREL“ bei der Ruhrtriennale am 31. August 2026 war keine Verbeugung vor einer Legende. Es war eine Begegnung mit ihr. Lebendig, verletzlich, gelegentlich widerspenstig – und gerade deshalb so nah.



