Manchmal braucht es nur einen einzigen Ton, um einen Konzertsaal in eine andere Welt zu verwandeln. Am Sonntagabend genügte in der Philharmonie Essen dafür die Orgel. Ein tiefer, beinahe körperlich spürbarer Klang breitete sich im Alfried Krupp Saal aus – und mit ihm war sofort klar: Dieser Abend würde kein gewöhnliches Orgelkonzert werden.
Anna Lapwood ist eine Musikerin, die mit den Erwartungen an ihr Instrument spielt. Die englische Organistin, die längst weit über die klassische Konzertszene hinaus bekannt ist, eröffnet in Essen eine vierteilige Künstlerporträtreihe. Gemeinsam mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Kerem Hasan wurde daraus ein Konzertabend, der Klassik, Filmmusik, zeitgenössische Musik und die gewaltige Klangwelt der Orgel miteinander verband.
Und vielleicht liegt genau darin Lapwoods besondere Stärke: Sie behandelt die Orgel nicht wie ein Relikt aus einer vergangenen musikalischen Epoche, sondern wie ein Instrument, das noch immer alles kann – flüstern, donnern, schreien und träumen.
Ein Auftritt mit Wucht
Der Abend beginnt mit Kristina Arakelyans „Toccata für Orgel und Orchester“. Schon hier wird deutlich, dass Lapwood keineswegs nur die große Geste sucht. Die Musik verlangt Präzision, Energie und eine fast körperliche Präsenz. Perkussive Impulse treffen auf orchestrale Klangflächen, die Orgel wird Teil des Orchesters und steht zugleich über ihm.
Lapwood spielt mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Ihre Hände sind in Bewegung, die Füße arbeiten an der Pedalklaviatur – und dennoch wirkt nichts angestrengt. Die technische Virtuosität bleibt Mittel zum Zweck. Entscheidend ist der Klang.
Dann Hans Zimmer.
Mit „Chevaliers de Sangreal“ aus „The Da Vinci Code“ öffnet sich plötzlich eine ganz andere Klangwelt. Was im Kino einst Bilder von Geheimnissen, Kathedralen und historischen Rätseln begleitete, funktioniert auch ohne Leinwand. Vielleicht sogar gerade deshalb. Die Musik besitzt jene suggestive Kraft, die den inneren Film im Kopf des Zuhörers entstehen lässt.
Lapwood versteht diese Musik. Sie muss sie nicht künstlich „klassifizieren“. Sie lässt sie einfach wirken.
Wenn der Kinosaal im Konzertsaal entsteht
Spätestens bei der Suite aus „Interstellar“ wird klar, weshalb Hans Zimmer an diesem Abend so selbstverständlich neben Saint-Saëns stehen kann.
Denn eigentlich war die Orgel schon immer ein Instrument des großen Kinos – lange bevor es überhaupt Filme gab. Sie kann Räume öffnen, Spannungen erzeugen, Bedrohung schaffen und Erlösung hörbar machen. Zimmer nutzt genau diese Eigenschaften in seiner Musik.
In Essen verschmelzen Orgel und Orchester zu einem gewaltigen Klangkörper. Der Philharmonia Orchestra unter Kerem Hasan gelingt es dabei, die Balance zwischen orchestraler Transparenz und großer Klangwucht zu halten. Die Musik darf groß sein, ohne in bloßen Effekt abzugleiten.
Und Lapwood sitzt mittendrin.
Max Richter: Musik zwischen Zeit und Raum
Der eigentliche Höhepunkt des Abends ist jedoch Max Richters „Cosmology“, das in Essen seine deutsche Erstaufführung erlebt. Das Werk wurde unter anderem von der Philharmonie Essen, der Royal Albert Hall, dem Hallé Orchestra, dem Gothenburg Symphony Orchestra, dem National Symphony Orchestra Washington D.C., dem Philharmonia Orchestra und dem Sydney Symphony Orchestra in Auftrag gegeben.
Richter verbindet in diesem Werk Orgel, Orchester und den Mädchenchor am Essener Dom. Die Chorstimmen verleihen der Musik eine zusätzliche, beinahe schwebende Dimension.
Nach der Wucht der Zimmer'schen Filmmusik verändert sich der Raum. Der Klang wird weiter, offener, weniger konkret. Die Orgel ist nun nicht mehr nur mächtige Klangmaschine, sondern beinahe ein Horizont. Es ist einer jener Momente, in denen man im Konzertsaal für einige Minuten aufhört, über Musik nachzudenken.
Man hört einfach.
Und genau das ist vielleicht die größte Qualität dieses Abends.
Zurück zu Saint-Saëns
Nach der Pause führt der Weg schließlich zurück in die große Tradition der Orgelmusik: Camille Saint-Saëns' Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78, die berühmte „Orgelsinfonie“.
Es ist ein kluger dramaturgischer Bogen. Nach Arakelyan, Zimmer und Richter erscheint Saint-Saëns nicht als Gegensatz zur modernen Klangwelt, sondern beinahe als deren Ausgangspunkt.
Auch bei ihm wird die Orgel zum musikalischen Ereignis. Die berühmten Schlussabschnitte lassen den Alfried Krupp Saal förmlich aufatmen, während Orchester und Orgel immer weiter an Spannung gewinnen.
Lapwood spielt Saint-Saëns nicht museal. Sie spielt ihn mit derselben Energie, die sie zuvor in die zeitgenössische Musik und in die Filmmusik eingebracht hat.
Damit schließt sich der Kreis.
Eine Organistin für eine neue Generation
Anna Lapwood wird gern als „Taylor Swift der Orgel“ bezeichnet. Das mag zunächst wie ein etwas gewagter Vergleich klingen. Doch wer sie an diesem Abend erlebt, versteht, was damit gemeint sein könnte. Die Philharmonie Essen beschreibt sie als eine Musikerin, die mit ihrer Brillanz, Virtuosität und gestalterischen Meisterschaft ein Publikum über alle Altersgruppen hinweg erreicht.
Das Entscheidende ist dabei nicht ihre Bekanntheit in den sozialen Medien.
Es ist ihre Fähigkeit, Begeisterung zu vermitteln.
Lapwood macht aus der Orgel kein Erklärungsobjekt. Sie macht sie zum Erlebnis.
Und vielleicht ist das der Grund, weshalb an diesem Abend die Grenzen zwischen klassischem Konzert, Filmmusikabend und musikalischem Event so angenehm verschwimmen.
Ein Abend, der nachklingt
Als die letzten Töne der Saint-Saëns-Sinfonie verklungen sind, bleibt zunächst dieser besondere Moment der Stille, den nur ein großes Konzert erzeugen kann.
Dann kommt der Applaus.
Lang und begeistert.
Anna Lapwood hat gemeinsam mit dem Philharmonia Orchestra einen Abend gestaltet, der musikalische Welten miteinander versöhnt, die sonst gern voneinander getrennt werden: alte und neue Musik, Konzertsaal und Kino, Tradition und Populärkultur.
Vor allem aber hat sie gezeigt, was die Orgel im Jahr 2026 sein kann.
Nicht nur Königin der Instrumente.
Sondern auch Klangmaschine, Orchester, Kino und Abenteuer.
Ein bemerkenswerter Auftakt für das Anna-Lapwood-Porträt der Philharmonie Essen – und ein Konzert, das noch lange im Ohr bleibt.



