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„GROOVE“ im neuen GOP Artistical-Theater Essen

Am 15. September 2026 ist im neuen GOP Artistical-Theater Essen zu spüren, dass hier etwas anders gedacht wurde. Wo früher das klassische Varieté seine Bühne hatte, ist nun ein neues Format entstanden: das „Artistical“. Und „GROOVE“ ist dessen erste große Bewährungsprobe.


Der Name ist Programm. Es geht um Rhythmus, Bewegung, Musik – und um das Lebensgefühl einer Epoche, deren Sound längst zum kulturellen Gedächtnis gehört: die Disco- und Popwelt der 1970er Jahre. Doch „GROOVE“ will nicht einfach eine nostalgische Zeitreise sein. Die Show verbindet Live-Musik, Artistik, Tanz, Comedy und aufwendige Lichttechnik zu einem durchgehenden Bühnenerlebnis. Rund 120 Minuten dauert der Abend.

Und tatsächlich: Das Neue liegt weniger in den einzelnen Disziplinen als in ihrer Verbindung.

Zwischen Disco und Artistik

Die Bühne gehört an diesem Abend Künstlerinnen und Künstlern aus 14 Ländern. Sängerin Della Miles bringt eine große, soulig-rockige Stimme mit, während Ruben Claro die musikalische Seite der Produktion mitprägt. Dazu kommen unter anderem die Skating Donnert's, das Akrobatik-Duo Isabela & Ernesto und Comedian Sébastien Tardif. Insgesamt stehen 24 Künstler auf und um die Bühne.

Das Entscheidende aber ist: Sie treten nicht einfach nacheinander auf.

Groove
Genau darin unterscheidet sich „GROOVE“ vom klassischen Varieté. Die einzelnen artistischen Nummern sind in einen größeren musikalischen und szenischen Zusammenhang eingebettet. Aus der Nummernrevue wird ein Fluss. Aus einzelnen Attraktionen entsteht ein Abend, der sich weniger wie ein Katalog artistischer Höchstleistungen und mehr wie ein Konzert mit Akrobatik anfühlt.

Das ist ein durchaus ambitionierter Ansatz.

Denn Artistik lebt normalerweise vom Augenblick: Ein Artist betritt die Bühne, die Spannung steigt, der Trick gelingt – Applaus. „GROOVE“ versucht dagegen, diesen Augenblick in einen größeren Rhythmus einzubauen.

Wenn vier Meter über dem Publikum getanzt wird

Einer der eindrucksvollsten Momente gehört Mao Fuchigami.

In rund vier Metern Höhe bewegt sie sich auf einer Highline über den ersten Publikumsreihen. Währenddessen erklingt auf der Bühne Queens „Bohemian Rhapsody“ – live gespielt, nicht aus der Konserve.

Es ist ein Moment, in dem die Idee von „GROOVE“ plötzlich greifbar wird.

Oben der menschliche Körper, der Balance und Konzentration bis an die Grenze ausreizt. Unten die Musiker. Dazwischen das Publikum. Und über allem ein Lichtdesign, das nicht mehr nur Kulisse ist, sondern Teil der Dramaturgie.

Man schaut nicht mehr ausschließlich auf die Artistin. Man erlebt den gesamten Raum.

Das Theater selbst wird zur Bühne

Das ist vermutlich die eigentliche Besonderheit dieses neuen Hauses.

160 bewegliche Lichtkugeln an der Decke können einzeln angesteuert werden. Dazu kommen LED-Flächen und eine eigens konzipierte Raumarchitektur. Das Theater wurde für das neue Format grundlegend umgebaut; die Investition soll knapp vier Millionen Euro betragen.

Damit verändert sich auch die Rolle des Publikums.

Es sitzt nicht mehr einfach vor einer Bühne und betrachtet eine Show. Die Technik versucht, den gesamten Raum einzubeziehen. Licht kommt von oben, Bilder verändern die Atmosphäre, Musik und Bewegung greifen ineinander.

Das kann spektakulär sein.

Manchmal droht die technische Opulenz allerdings auch, die Künstler zu überstrahlen. Gerade dort, wo Licht und Projektionen besonders präsent sind, stellt sich die Frage, ob tatsächlich jeder Effekt notwendig ist. Denn die stärksten Momente des Abends entstehen paradoxerweise oft dann, wenn der technische Aufwand zurücktritt und der Mensch im Mittelpunkt steht.

Ein Körper auf einer schmalen Linie braucht eigentlich keine 160 Lichtkugeln.

Er braucht nur einen falschen Schritt – und die Spannung ist da.

Der Charme des Analogen

Gerade deshalb ist die Live-Musik so wichtig.

In einer Show, die technisch derart aufgerüstet ist, wirkt das tatsächlich live Gespielte beinahe wie ein Gegenentwurf zur digitalen Perfektion. Musiker, Sänger und Artisten reagieren aufeinander. Es entsteht ein Moment von Unmittelbarkeit, der sich nicht programmieren lässt.

Und das passt erstaunlich gut zum Geist der 1970er Jahre.

„GROOVE“ blickt zurück, ohne sich ausschließlich in der Vergangenheit einzurichten. Der Sound dieser Epoche dient als emotionaler Motor, nicht als museales Ausstellungsstück.

Das funktioniert besonders dann, wenn die Musik nicht bloß Hintergrund für die Artistik ist, sondern selbst Handlungsträger wird.

Zwischen Staunen und Unterhaltung

Natürlich will „GROOVE“ in erster Linie unterhalten.

Das ist kein Abend, der dem Publikum schwierige Fragen stellt. Er möchte Staunen erzeugen, Energie freisetzen und für zwei Stunden den Alltag draußen lassen.

Und das darf Kunst.

Vielleicht ist es sogar eine der unterschätzten Fähigkeiten des Varietés: Menschen für einen Abend daran zu erinnern, dass es Dinge gibt, die man nicht erklären muss.

Man kann ihnen einfach zusehen.

Ein Körper, der scheinbar mühelos durch die Luft fliegt. Eine Stimme, die einen Raum füllt. Ein Paar, das sich in einer artistischen Bewegung gegenseitig trägt. Ein Lachen an der richtigen Stelle. Musik, die Erinnerungen weckt.

Das ist die unmittelbare Sprache dieser Show.

Ein neuer Ton für Essen

„GROOVE“ ist deshalb mehr als eine neue Produktion des GOP. Mit dem Artistical-Theater versucht Essen, dem klassischen Varieté ein neues Kapitel hinzuzufügen.

Ob das Format dauerhaft trägt, wird nicht allein die technische Ausstattung entscheiden. Auch nicht die Zahl spektakulärer Tricks.

Entscheidend wird sein, ob die Verbindung von Artistik, Musik und Theater tatsächlich eine eigene Form entwickelt.

Die Ansätze sind vorhanden.

„GROOVE“ besitzt Tempo, musikalische Energie und artistische Klasse. Vor allem aber besitzt die Produktion eine Idee: Die Grenzen zwischen Konzert, Varieté und Show sollen verschwimmen.

Manchmal gelingt das bereits verblüffend gut. Manchmal ist der Abend noch stärker Show als Theater. Doch vielleicht muss eine neue Form genau das zunächst sein dürfen: ein Versuch, ein Experiment, ein bewusstes Überschreiten vertrauter Grenzen.

Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl.

Dieses Haus will nicht einfach das alte Varieté neu dekorieren.

Es will einen eigenen Rhythmus finden.

Und dieser Rhythmus heißt GROOVE.