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Nachlese: „Relations“ im Aalto-Theater Essen – ein Tanzabend über die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen

Es gibt Abende im Ballett, an denen der Körper mehr erzählt als jedes gesprochene Wort. Ein Blick, eine ausgestreckte Hand, eine Bewegung, die ins Leere läuft: Aus scheinbar kleinen Gesten entstehen Bilder von Sehnsucht, Einsamkeit und dem komplizierten Verhältnis zwischen Menschen. Mit „Relations“ präsentiert das Aalto Ballett Essen ein dreiteiliges Tanzprogramm, das genau diese unsichtbaren Verbindungen in den Mittelpunkt stellt. Zwei Choreografien des tschechischen Tanzmeisters Jiří Kylián treffen auf ein Werk des schwedischen Choreografen Johan Inger. Drei unterschiedliche Handschriften, drei musikalische Welten – und eine gemeinsame Frage: Was verbindet uns, und was trennt uns?


Der Ballettabend, der am 24. Oktober zum letzten Mal auf dem Spielplan stand, führt vor Augen, wie vielseitig und ausdrucksstark zeitgenössischer Tanz sein kann. Statt eine durchgehende Handlung zu erzählen, setzt „Relations“ auf Bewegung, Atmosphäre und die Kraft der Bilder. Das Publikum ist eingeladen, sich auf diese Sprache einzulassen – und die eigenen Gedanken und Erfahrungen in den Choreografien wiederzufinden.

„Forgotten Land“ – Die Suche nach Heimat

Relations
Den Auftakt bildet Jiří Kyliáns „Forgotten Land“ aus dem Jahr 1981. Zu Benjamin Brittens eindringlicher Sinfonia da Requiem entfaltet sich ein Tanzstück, das weit über eine bloße Darstellung menschlicher Begegnungen hinausweist. Es geht um Heimat und Verlust, um Aufbruch und Ankunft, um das Gefühl, irgendwo dazuzugehören – oder eben nicht.

Kylián findet dafür eine Bewegungssprache von großer emotionaler Dichte. Die Tänzer erscheinen wie Menschen auf der Durchreise, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Geborgenheit und der Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu orientieren. Körper neigen sich zueinander, suchen Halt, lösen sich voneinander. In diesen Gesten liegt eine stille Dramatik, die keiner zusätzlichen Erklärung bedarf.

Das Stück wirkt angesichts der Erfahrungen von Flucht, Migration und gesellschaftlicher Entwurzelung bemerkenswert aktuell. Heimat erscheint nicht als unveränderlicher Ort, sondern als etwas Verletzliches, das verloren gehen und dennoch in der Erinnerung fortbestehen kann. Kyliáns Choreografie vermeidet dabei jede vordergründige Illustration. Sie vertraut auf die emotionale Kraft des Tanzes – und gerade darin liegt ihre Stärke.

„Sleepless“ – Zwischen Traum und Wirklichkeit

Relations
Mit „Sleepless“ aus dem Jahr 2004 führt Kylián in eine andere Sphäre. Wo „Forgotten Land“ die großen Fragen menschlicher Existenz berührt, richtet sich der Blick nun nach innen: auf das Unterbewusstsein, auf die Unruhe zwischen Wachsein und Schlaf, auf jene merkwürdigen Zustände, in denen sich Wirklichkeit und Traum miteinander vermischen.

Die Bühne wird zum Schauplatz eines tänzerischen Verwirrspiels. Hinter einer Wand verschwinden und erscheinen sechs Tänzerinnen und Tänzer. Körperteile, Köpfe und Bewegungen scheinen sich bisweilen voneinander zu lösen; vertraute Zusammenhänge geraten aus den Fugen. Was zunächst irritiert, entwickelt einen eigenen poetischen Reiz.

Die Musik von Dirk Haubrich, die auf Mozarts Komposition für Glasharmonika und Streichquartett zurückgreift, unterstützt diese entrückte Atmosphäre. Ihre sphärischen Klänge schaffen einen Raum, in dem sich die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem nur Erahnbaren auflösen.

„Sleepless“ ist kein Stück, das sich dem Publikum unmittelbar erschließt. Es verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Doch gerade darin liegt sein Reiz: Der Tanz wird zur Chiffre für die inneren Bewegungen des Menschen, für Gedanken, Ängste und Sehnsüchte, die sich einer rationalen Ordnung entziehen. Kylián zeigt, wie viel sich mit dem Körper erzählen lässt, ohne eine Geschichte im herkömmlichen Sinne zu erzählen.

„Walking Mad“ – Der Mensch als unberechenbares Wesen

Relations
Nach den eher existenziellen und traumhaften Dimensionen der beiden Kylián-Choreografien setzt Johan Inger mit „Walking Mad“ einen bewusst anderen Akzent. Das 2001 entstandene Werk zur Musik von Maurice Ravels berühmtem „Boléro“ und Arvo Pärts „Für Alina“ betrachtet menschliche Beziehungen mit einer Mischung aus Humor, Absurdität und unterschwelliger Melancholie.

Eine Wand wird zum zentralen Element des Bühnenraums. Sie trennt, verbirgt und eröffnet neue Möglichkeiten der Begegnung. Menschen nähern sich einander, weichen zurück, geraten aneinander und finden überraschend wieder zusammen. Was zunächst wie ein Spiel mit alltäglichen Situationen erscheint, entwickelt zunehmend die Züge eines Beziehungsdramas.

Inger interessiert sich für die kleinen Machtkämpfe, die Missverständnisse und die widersprüchlichen Impulse, die das Zusammenleben bestimmen. Nähe kann Zuneigung bedeuten, aber auch Bedrohung. Distanz schützt, verhindert jedoch zugleich Begegnung. Die Tänzer bewegen sich durch diese wechselnden Zustände mit einer Körperlichkeit, die das Komische und das Tragische eng miteinander verbindet.

Ravels „Boléro“ bildet dafür einen wirkungsvollen musikalischen Gegenpol. Die unerbittliche Wiederholung und die stetige Steigerung verleihen dem Geschehen einen Sog, dem sich das Auge kaum entziehen kann. Gleichzeitig setzt Pärts zurückgenommene Klaviermusik einen Moment der Ruhe. Zwischen rhythmischer Besessenheit und musikalischer Reduktion entsteht ein Spannungsfeld, das Ingers Choreografie wirkungsvoll nutzt.

„Walking Mad“ ist der zugänglichste Teil des Abends, ohne sich in bloßer Unterhaltung zu erschöpfen. Hinter den humorvollen Situationen verbirgt sich ein durchaus ernster Blick auf den Menschen: auf seine Sehnsucht nach Anerkennung, seine Unfähigkeit, sich vollständig mitzuteilen, und seine bisweilen grotesken Versuche, die Kontrolle über andere zu gewinnen.

Drei Handschriften, ein gemeinsames Thema

Die Stärke von „Relations“ liegt in der Zusammenstellung dieser drei Choreografien. Kylián und Inger nähern sich dem Thema menschlicher Beziehungen aus unterschiedlichen Richtungen. Der eine sucht nach den großen emotionalen und existenziellen Zusammenhängen, der andere beobachtet mit feinem Gespür die Widersprüche des Alltags.

Dabei zeigt sich, wie weit die Ausdrucksmöglichkeiten des Balletts über klassische Erzählformen hinausreichen. Die Tänzerinnen und Tänzer müssen nicht nur technisch präzise arbeiten, sondern auch psychologische Zustände vermitteln, ohne sich auf Mimik oder eindeutige Gesten verlassen zu können. Ihr wichtigstes Ausdrucksmittel bleibt der Körper – seine Spannung, seine Verletzlichkeit und seine Fähigkeit, sich auf andere Körper einzulassen.

Die musikalische Vielfalt von Britten über Haubrich und Mozart bis hin zu Ravel und Pärt unterstützt die dramaturgische Gliederung. Sie verhindert, dass der Abend zu einer bloßen Aneinanderreihung ähnlicher Stimmungen wird. Vielmehr entsteht ein Wechsel zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen innerer Unruhe und äußerer Dynamik, zwischen poetischer Abstraktion und beinahe komödiantischer Beobachtung.
Fazit: Ein anspruchsvoller Abend über das Miteinander „Relations“ ist kein Ballettabend, der sich auf eine einzige Botschaft reduzieren lässt. Er stellt Fragen, statt Antworten zu liefern. Was bedeutet Nähe? Wie viel Distanz braucht eine Beziehung? Und weshalb fällt es Menschen mitunter so schwer, einander wirklich zu verstehen?

Gerade diese Offenheit macht den Abend interessant. Die drei Choreografien verlangen dem Publikum unterschiedliche Formen der Aufmerksamkeit ab. Nicht jede Szene entfaltet ihre Wirkung unmittelbar, und nicht jedes Bild lässt sich eindeutig entschlüsseln. Doch der Tanz gewinnt gerade dort an Tiefe, wo er nicht alles erklärt.

Für das Aalto Ballett Essen ist die Zusammenstellung von Kylián und Inger eine überzeugende Gelegenheit, die Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes sichtbar zu machen. „Relations“ verbindet poetische Bildkraft, musikalische Vielfalt und eine ebenso sensible wie humorvolle Auseinandersetzung mit dem menschlichen Miteinander.

Am Ende bleibt weniger eine konkrete Geschichte als eine Folge von Eindrücken: Körper, die sich suchen und verlieren, Begegnungen, die scheitern, und Augenblicke, in denen Verständigung möglich scheint. Darin liegt die eigentliche Qualität dieses Tanzabends. Er erinnert daran, dass Beziehungen niemals statisch sind, sondern sich ständig verändern – und dass wir einander trotz aller Missverständnisse immer wieder suchen.

Eine sehenswerte Begegnung mit dem zeitgenössischen Ballett, die den Blick für die leisen, widersprüchlichen und bisweilen komischen Seiten menschlicher Beziehungen schärft.