Skip to main content

NACHLESE: Zwischen Opfer und Täter – Alban Bergs „Wozzeck“ am Musiktheater im Revier

Es gibt Opernabende, die unterhalten, und solche, die ihr Publikum mit unbequemen Fragen zurücklassen. Die Neuinszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“ am Musiktheater im Revier gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Was Regisseurin Ilaria Lanzino auf die Bühne des Gelsenkirchener Hauses bringt, ist keine bloße Nacherzählung eines tragischen Einzelschicksals, sondern eine schonungslose Auseinandersetzung mit Macht, Unterdrückung, moralischer Verantwortung und der erschreckenden Fähigkeit des Menschen, selbst zum Täter zu werden.


Bergs 1925 uraufgeführtes Musikdrama, entstanden nach Georg Büchners unvollendetem Dramenfragment „Woyzeck“, gehört zu den kompromisslosesten Werken des modernen Musiktheaters. Im Mittelpunkt steht ein einfacher Soldat, gedemütigt von seinen Vorgesetzten, gesellschaftlich ausgegrenzt und psychisch zunehmend zerrüttet. Seine Lebensumstände, die permanente Erniedrigung und die Angst vor dem Verlust seiner Partnerin Marie treiben ihn schließlich in eine Katastrophe, die mit dem Mord an ihr endet.

Doch Lanzino entscheidet sich für eine Perspektive, die weit über die vertraute Interpretation des sozial erniedrigten und letztlich zerbrochenen Menschen hinausgeht.

Ein beklemmendes Bild menschlicher AbgründeEin beklemmendes Bild menschlicher Abgründe

Die Regisseurin verlegt die Handlung in die Zeit des Nationalsozialismus und konfrontiert das Publikum mit der Realität eines Konzentrationslagers. Wozzeck erscheint hier nicht mehr ausschließlich als Opfer einer unmenschlichen Gesellschaft. Er ist zugleich Teil eines verbrecherischen Systems, in dem er selbst gezwungen wird, an der Unterdrückung und Vernichtung anderer Menschen mitzuwirken.

Diese Verschiebung ist der entscheidende und zugleich provokanteste Gedanke der Inszenierung. Aus dem vermeintlich eindeutigen Opfer wird eine Figur voller Widersprüche. Wozzeck leidet unter der Gewalt der Mächtigen, gibt diese Gewalt aber auch an Schwächere weiter. Die Frage nach seiner persönlichen Schuld lässt sich deshalb nicht mehr einfach mit dem Hinweis auf seine soziale Herkunft und seine erbärmlichen Lebensbedingungen beantworten.

Lanzino stellt damit eine unbequeme Frage: Wie viel Verantwortung trägt ein Mensch für sein Handeln, wenn er selbst Opfer eines erbarmungslosen Systems ist? Und an welchem Punkt wird aus erzwungenem Gehorsam persönliche Schuld?

Das ist ein anspruchsvoller Zugriff, der dem Stück eine erschreckende historische Dimension verleiht. Die Nähe zur nationalsozialistischen Verbrechensgeschichte ist dabei keine dekorative Aktualisierung, sondern bildet das moralische Zentrum des Abends.

Eine Bühne ohne Ausweichmöglichkeiten

Die Ausstattung von Martin Hickmann konzentriert sich auf einen funktionalen, bewusst reduzierten Bühnenraum. Gemeinsam mit den Kostümen von Melchior Silbersack entsteht eine Atmosphäre, die das Bedrohliche und Entmenschlichte der dargestellten Welt unterstreicht. Nichts wirkt beschönigend, nichts bietet dem Publikum einen bequemen Rückzugsort.

Die Inszenierung vertraut dabei weniger auf äußerliche Effekte als auf die Konsequenz ihrer gedanklichen Setzung. Die Bilder sind von einer bedrückenden Kälte, die sich mit der musikalischen Spannung zu einem zunehmend beklemmenden Gesamteindruck verbindet.

Allerdings verlangt diese Deutung auch eine gewisse Bereitschaft, sich auf ihre historischen und moralischen Verschiebungen einzulassen. Wer eine möglichst werkgetreue Umsetzung von Büchners sozialkritischem Drama erwartet, wird hier bewusst irritiert. Denn die soziale Not Wozzecks tritt hinter der Frage nach seiner Verstrickung in ein verbrecherisches System zurück. Das ist eine gewagte Entscheidung, die nicht jeden Aspekt der Vorlage gleichermaßen zur Geltung bringt. Gerade darin liegt jedoch auch ihre Diskussionswürdigkeit.

Musikalische Intensität auf höchstem Niveau

Dass dieser Abend seine Wirkung nicht allein aus der Regie bezieht, verdankt er vor allem der musikalischen Umsetzung. John Warner, der mit dieser Produktion seinen Einstand als Erster Kapellmeister am MiR gibt, führt die Neue Philharmonie Westfalen mit bemerkenswerter Sicherheit durch Bergs hochkomplexe Partitur.

Bergs Musik ist kein harmonisches Ruhekissen. Sie ist nervös, schneidend, eruptiv und von einer permanenten inneren Spannung geprägt. Dissonanzen, abrupte Klangwechsel und orchestrale Verdichtungen spiegeln die psychische Zerrissenheit der Figuren. Warner arbeitet diese musikalischen Gegensätze mit großer Klarheit heraus. Die eruptive Wucht des Orchesters steht neben kammermusikalisch feinen, beinahe zerbrechlichen Momenten. Gerade diese Wechsel zwischen klanglicher Gewalt und intimer Verzweiflung verleihen dem Abend seine besondere Intensität.

Auch die Solisten überzeugen in wesentlichen Momenten. Simon Stricker gestaltet die Titelpartie mit großer darstellerischer Präsenz und einem bemerkenswerten Ausdrucksspektrum. Sein Wozzeck ist kein eindimensionaler Leidender, sondern ein Mensch zwischen Angst, Unterwerfung, innerer Auflehnung und zunehmendem Kontrollverlust. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm die Darstellung jener Momente, in denen die Grenzen zwischen äußerem Zwang und eigener Verantwortung verschwimmen.

Susanne Serfling verleiht Marie eine starke, vielschichtige Bühnenpräsenz. Ihre Figur ist keineswegs nur das passive Opfer einer tragischen Beziehung, sondern eine Frau mit eigenen Sehnsüchten, Bedürfnissen und Widersprüchen. Martin Homrich stattet den Tambourmajor mit der nötigen körperlichen Dominanz aus. Philipp Kranjc zeichnet den Doktor als erschreckend kalte Verkörperung einer entmenschlichten Wissenschaft. Matthew Peña ergänzt als Hauptmann das Ensemble um eine weitere Facette jener autoritären Welt, in der Demütigung zum alltäglichen Umgangston gehört.

Ein Opernabend, der keine einfachen Antworten gibt

Was bleibt nach diesen 95 Minuten? Vor allem das Gefühl, Zeuge eines Abends geworden zu sein, der sich nicht mit einer eindeutigen Täter-Opfer-Erzählung zufriedengibt. Ilaria Lanzino macht aus „Wozzeck“ ein Drama über die Mechanismen menschlicher Verrohung und die gefährliche Versuchung, persönliche Verantwortung hinter äußeren Umständen verschwinden zu lassen.

Das ist nicht in jeder szenischen Konsequenz unangreifbar. Die historische Verlegung in die NS-Zeit ist eine erhebliche interpretatorische Setzung, die Büchners ursprüngliche Sozialkritik teilweise überlagert. Doch die Inszenierung besitzt den Mut, ihre Fragen nicht zu entschärfen. Sie fordert Widerspruch heraus, provoziert Nachdenken und verweigert jene moralische Eindeutigkeit, die das Publikum bei einer solchen Tragödie vielleicht erwarten würde.

Musikalisch getragen von einer eindrucksvollen Leistung der Neuen Philharmonie Westfalen und einem starken Sängerensemble, wird dieser „Wozzeck“ zu einem gewichtigen Beitrag zum zeitgenössischen Musiktheater.

Das Musiktheater im Revier beweist mit dieser Produktion, dass Oper auch heute ein Ort unbequemer gesellschaftlicher Auseinandersetzung sein kann. Ein aufwühlender, anspruchsvoller und stellenweise verstörender Abend, dessen Wirkung weit über den Schlussapplaus hinausreicht.

Fazit: Ein mutiger „Wozzeck“, der die Grenzen zwischen Opfer und Täter neu vermisst. Nicht jede Regieentscheidung überzeugt gleichermaßen, doch die gedankliche Konsequenz, die musikalische Qualität und die darstellerische Intensität machen diese Produktion zu einem bemerkenswerten Opernereignis in Gelsenkirchen.

Weitere Termine: So.13.12., Mi.30.12., So. 17.01. und Do. 25.02.

Infos unter: https://mirgelsenkirchen.de/produktion/wozzeck-912/72679