Es gibt Zugfahrten, die lediglich von A nach B führen. Und es gibt jene, bei denen der Weg selbst zum Reiseziel wird. Die Fahrt mit der Matterhorn Gotthard Bahn von Brig nach Zermatt gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Auf nur 43 Kilometern entfaltet sich ein eindrucksvolles Panorama aus tief eingeschnittenen Tälern, schroffen Felswänden, rauschenden Gebirgsbächen und traditionsreichen Walliser Dörfern – eine Reise, die den Alltag bereits am Bahnhof hinter sich lässt.
Brig, das lebendige Tor zum Wallis, ist der ideale Ausgangspunkt. Während auf den Gleisen der SBB Fernzüge aus Basel, Bern oder Hamburg eintreffen, wartet wenige Meter weiter der schmalspurige Zug der Matterhorn Gotthard Bahn.
Der Bahnsteig in Brig liegt noch im warmen Licht des Walliser Morgens. Menschen mit Wanderrucksäcken, Familien mit Koffern und Bergsteiger mit Helmen warten auf den roten Zug der Matterhorn Gotthard Bahn. Niemand scheint es eilig zu haben. Die Hektik der Fernverkehrszüge endet hier. Mit dem leisen Summen des Elektrotriebwagens beginnt eine Reise, die nicht von Geschwindigkeit lebt, sondern vom Staunen.
Kaum schließen sich die Türen, gleitet der Zug nahezu lautlos aus dem Bahnhof. Die ersten Häuser von Brig ziehen vorbei, dahinter öffnet sich das Rhonetal. Wenige Minuten später wird die Landschaft enger, wilder und alpiner. Die Vispa begleitet den Zug wie ein unruhiger Reisegefährte. Sie rauscht über Felsen, verschwindet unter Brücken und taucht wenige Augenblicke später wieder neben den Schienen auf.
Wer zum ersten Mal diese Strecke befährt, versteht schnell, weshalb viele Eisenbahnfreunde sie zu den schönsten Bahnlinien Europas zählen. Hier wird die Zugfahrt selbst zur Sehenswürdigkeit.
Vom Rhonetal hinein in die Hochalpen
Mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft. Obstgärten und Weinberge bleiben zurück. Stattdessen prägen dunkle Lärchenwälder, schroffe Felswände und sonnenverbrannte Holzhäuser das Bild. Die alten Walliser Speicher stehen auf steinernen Stelzen – eine jahrhundertealte Konstruktion, die einst Mäuse fernhalten sollte. Heute gehören sie zu den charakteristischen Wahrzeichen des Tals.
Die Bahn folgt dem Lauf der Vispa nahezu ohne Unterbrechung. Immer wieder überquert sie den Fluss auf eleganten Stahlbrücken oder verschwindet für wenige Sekunden in kurzen Tunneln. Dahinter wartet bereits das nächste Panorama.
Während Autos das Mattertal meist zügig durchqueren, eröffnet die Bahn eine völlig andere Perspektive. Große Fenster geben den Blick frei auf Bergwiesen, in denen das Heu noch traditionell eingebracht wird. Kleine Kapellen scheinen sich an die Berghänge zu klammern. Wasserfälle stürzen aus großer Höhe ins Tal.
Es ist eine Landschaft, die nicht spektakulär wirken muss. Ihre Schönheit entfaltet sich langsam – beinahe meditativ.
Orte mit Geschichte
Hinter Stalden, wo sich die Täler nach Saas-Fee und Zermatt verzweigen, beginnt einer der eindrucksvollsten Abschnitte der Strecke. Die Berge rücken näher zusammen, die Vispa wird wilder, und die Steigungen nehmen zu.
In St. Niklaus lohnt sich ein genauer Blick aus dem Fenster. Der Ort war über Generationen Heimat legendärer Bergführer. Von hier aus brachen Männer auf, die Erstbesteigungen in den Alpen und sogar im Himalaya wagten. Das Bergführermuseum erzählt von dieser außergewöhnlichen Geschichte.
Wenig später erreicht der Zug Randa. Gewaltige Felsabbrüche erinnern daran, dass die Alpen bis heute in Bewegung sind. Nach den Bergstürzen Anfang der 1990er Jahre wurde die Bahnstrecke aufwendig gesichert. Heute wirkt davon kaum noch etwas bedrohlich. Stattdessen zieht eine andere Attraktion die Blicke auf sich: die Charles-Kuonen-Hängebrücke. Fast 500 Meter spannt sie sich hoch über das Tal und gehört zu den spektakulärsten Fußgängerbrücken Europas.
Kurz darauf folgt Täsch. Hier endet der Individualverkehr. Wer mit dem Auto anreist, steigt spätestens hier auf die Bahn um. Von diesem Moment an gehört das Tal den Wanderern, Radfahrern und den leisen Elektrofahrzeugen Zermatts.
Der große Auftritt des Matterhorns
Es gibt diesen einen Moment, den selbst erfahrene Reisende nie vergessen.
Der Zug verlässt eine lang gezogene Kurve. Plötzlich öffnet sich das Tal. Zwischen den Gipfeln erscheint zunächst nur eine dunkle Felsspitze. Dann wächst sie langsam über die Landschaft hinaus.
Das Matterhorn.
Kein Berg der Alpen besitzt eine vergleichbare Präsenz. Seine markante Form wirkt zugleich vertraut und überwältigend. Im Wagen verstummen Gespräche. Kameras klicken. Manche Fahrgäste lächeln einfach nur still.
Es ist einer jener Augenblicke, die sich nicht planen lassen und dennoch lange in Erinnerung bleiben.
Wenig später rollt der Zug in den Bahnhof von Zermatt ein. Hier herrscht eine Ruhe, die man in einem internationalen Ferienort kaum erwarten würde. Elektrotaxis surren beinahe lautlos durch die Straßen. Pferdekutschen gehören ebenso zum Ortsbild wie elegante Hotels, traditionelle Holzhäuser und Alpinisten aus aller Welt.
Die Reise endet. Und doch fühlt sie sich eher wie ein Auftakt an.
Fototipps
Fensterplatz sichern
Für die Fahrt Richtung Zermatt empfiehlt sich ein Platz auf der rechten Zugseite. Dort öffnen sich über weite Strecken besonders schöne Ausblicke auf die Vispa und die Berglandschaft.
Kamera bereithalten
Zwischen Stalden und Randa wechseln sich Brücken, Wasserfälle und traditionelle Walliser Dörfer im Minutentakt ab. Hier lohnt es sich, die Kamera nicht in der Tasche zu lassen.
Das Matterhorn
Kurz vor Zermatt erscheint erstmals das Matterhorn. Wer aufmerksam bleibt, erwischt den berühmtesten Fotomoment der Strecke bereits aus dem Zug.
Goldene Stunde
Früh morgens oder am späten Nachmittag fällt das Licht besonders weich auf die Berghänge. Fotografen profitieren dann von deutlich plastischeren Landschaftsaufnahmen.
Unterwegs entdecken
Brig
- Historische Altstadt
- Stockalperschloss
- Ausgangspunkt zahlreicher Bahnlinien
Stalden
- Talverzweigung nach Saas-Fee
- Historische Brücken
- Schöne Wanderwege
St. Niklaus
- Bergführermuseum
- Traditioneller Walliser Ortskern
- Randa
- Charles-Kuonen-Hängebrücke
- Ausgangspunkt anspruchsvoller Wanderungen
Täsch
- Shuttlebahnhof nach Zermatt
- Wander- und Bikegebiet
Zermatt
- Matterhorn Museum
- Bergsteigerfriedhof
- Historischer Dorfkern
- Gornergratbahn
- Sunnegga-Bahn
- Zahlreiche Wanderwege und Aussichtspunkte
Reisetipps
Beste Reisezeit:
Juni bis Oktober bietet die größte Wahrscheinlichkeit für freie Sicht auf die Viertausender. Im Juli und August blühen die Bergwiesen besonders eindrucksvoll.
Der Herbst überrascht mit klarer Luft, intensiven Farben und deutlich weniger Besuchern.
Im Winter verwandelt sich die Strecke in eine stille Schneelandschaft und gehört zu den eindrucksvollsten Bahnfahrten der Alpen.
Sitzplatzwahl:
Reservierungen sind auf dieser Strecke meist nicht erforderlich. Wer fotografieren möchte, sollte möglichst früh einsteigen und einen Fensterplatz wählen.
Panoramawagen bieten zusätzlichen Komfort, die regulären Wagen verfügen jedoch ebenfalls über großzügige Fenster.
Tickets:
Besitzer des Swiss Travel Pass fahren auf der Strecke ohne Aufpreis.
Auch das Halbtax-Abonnement und regionale Fahrkarten bieten attraktive Ermäßigungen.
Wer flexibel reist, spart häufig mit früh gebuchten Sparbilletten der Schweizer Bahnen.
Einkehr:
In Brig lohnt sich vor der Abfahrt ein Besuch in einem der Cafés rund um den Bahnhof. Wer erst in Zermatt einkehren möchte, findet von der traditionellen Walliser Küche bis zur Sternegastronomie eine außergewöhnlich große Auswahl.
Info:
Strecke: Brig – Zermatt
Bahnunternehmen: Matterhorn Gotthard Bahn
Länge: rund 43 Kilometer
Fahrzeit: etwa 1 Stunde 20 Minuten
Höhenunterschied: von rund 670 auf etwa 1.605 Meter
Besonderheit: Zermatt ist seit 1931 autofrei. Die Bahn ist nicht nur das schönste, sondern zugleich das wichtigste Verkehrsmittel ins Matterhorndorf.
Die Fahrt von Brig nach Zermatt beweist eindrucksvoll, dass eine Bahnreise weit mehr sein kann als ein Transportmittel. Sie ist eine Einladung, langsamer zu reisen, genauer hinzusehen und die Alpen nicht nur zu erreichen, sondern sie Kilometer für Kilometer zu erleben. Wer sich auf diese Strecke einlässt, wird feststellen, dass das Matterhorn nicht erst in Zermatt beginnt – sondern bereits mit dem ersten Rollen der Räder aus Brig.



