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Nachlese: WDR Big Band feat. Chris Potter und Bob Mintzer in der Philharmonie Essen

Es gibt Konzertabende, die beginnen erst, wenn man längst im Saal sitzt. Und es gibt solche, die bereits auf dem Weg dorthin eine Erwartung erzeugen. John Coltrane 100 gehört zu letzterer Kategorie. Schon der Name dieses Abends trägt Gewicht. Hundert Jahre nach der Geburt eines Musikers, der den Jazz nicht einfach bereicherte, sondern seine Möglichkeiten immer wieder neu vermessen hat, stellt sich unweigerlich die Frage: Was kann man heute noch zu Coltrane sagen, das nicht längst gesagt wurde?


Die Antwort gibt an diesem Abend nicht ein Vortrag, sondern die Musik selbst.

In der Philharmonie Essen steht die WDR Big Band auf der Bühne, dazu der amerikanische Saxofonist Chris Potter und ihr musikalischer Leiter Bob Mintzer. Es ist eine große Besetzung für einen Musiker, dessen wichtigste Momente häufig aus der Intimität kleiner Ensembles heraus entstanden. Und gerade deshalb ist dieser Abend von Beginn an mehr als eine Hommage. Er ist der Versuch, Coltranes Musik aus einem historischen Rahmen zu lösen und sie in die Gegenwart zu holen.

Ich merke schnell, dass man sich dabei von der Vorstellung verabschieden muss, hier würden einfach alte Coltrane-Stücke möglichst originalgetreu nachgespielt.

Das wäre auch das Falsche.

Coltrane war schließlich selbst niemals ein Musiker des Stillstands.

Kein Denkmal, sondern eine offene Tür

Chris Potter
Während die ersten Töne durch den Alfried Krupp Saal gehen, verändert sich die Perspektive. Die Musik bekommt durch die Big-Band-Besetzung eine Wucht und Farbigkeit, die man von Coltranes klassischen Aufnahmen zunächst nicht erwartet.

Bläserflächen öffnen sich, einzelne Stimmen treten hervor und verschwinden wieder im Ensemble. Darüber das Saxofon.

Und plötzlich wird deutlich, worum es an diesem Abend eigentlich geht: nicht darum, John Coltrane zu kopieren, sondern darum, zu verstehen, warum seine Musik bis heute Musiker herausfordert.

Chris Potter ist dafür eine bemerkenswerte Wahl. Er spielt Coltrane nicht als Heiligtum. Sein Saxofon klingt nicht nach einer musealen Rekonstruktion. Es gibt Respekt, natürlich – aber eben auch Distanz. Und diese Distanz tut der Musik gut.

Potter muss nicht Coltrane sein.

Er darf Chris Potter bleiben.

Gerade dadurch entsteht etwas Spannendes: ein Dialog über Generationen hinweg. Coltranes musikalische Sprache ist der Ausgangspunkt, aber Potter setzt seine eigene Stimme dagegen. Man hört die Geschichte des Jazz und gleichzeitig seine Gegenwart.

Wenn der Klang größer wird als der einzelne Musiker

Besonders beeindruckend ist dabei die WDR Big Band.

Denn eine Big Band verändert Coltranes Musik. Sie nimmt ihr nicht die Freiheit, aber sie gibt ihr einen anderen Körper. Was bei einem Quartett unmittelbar und beinahe kammermusikalisch wirken kann, bekommt hier orchestrale Dimensionen.

Manchmal entsteht der Eindruck, als würde man Coltranes Musik von innen betrachten.

Nicht die große Geste allein interessiert, sondern die Bewegung darunter: ein rhythmischer Impuls, eine harmonische Verschiebung, ein kurzer Dialog zwischen Instrumentengruppen – und plötzlich ist der gesamte Klangkörper in Bewegung.

Bob Mintzers Arrangements machen daraus kein glattpoliertes Jubiläumsprogramm. Sie lassen die Musik atmen. Vor allem aber lassen sie Raum für das Unberechenbare.

Und genau dort beginnt für mich der eigentliche Reiz dieses Abends.

Denn Coltrane war immer dann besonders aufregend, wenn man nicht wusste, wohin der nächste musikalische Schritt führen würde.

Die Suche als musikalisches Prinzip

Vielleicht ist es das, was Coltrane von vielen großen Jazzmusikern unterscheidet: Bei ihm scheint selbst die Virtuosität immer nur ein Werkzeug gewesen zu sein.

Er wollte weiter.

Von den frühen Jahren an der Seite von Miles Davis über die großen eigenen Alben bis zu den radikalen späten Arbeiten war seine Karriere von einer geradezu rastlosen Suche geprägt. Harmonische Grenzen interessierten ihn, weil sie überschritten werden konnten. Melodien waren nicht unbedingt Endpunkte, sondern Ausgangspunkte.

Diese Haltung ist heute Abend ständig präsent.

Und während ich der Musik zuhöre, wird mir klar, wie schwierig ein solches Jubiläum eigentlich ist. Hundert Jahre John Coltrane könnten leicht zu einem Museum werden: große Namen, berühmte Titel, historische Aufnahmen, ehrfürchtiger Applaus.

Doch genau das passiert hier nicht.

Die Musik bleibt unbequem genug, um lebendig zu sein.

Chris Potter zwischen Respekt und Freiheit

Chris Potter übernimmt dabei eine besondere Rolle. Sein Spiel hat nicht die Aufgabe, eine Legende wiederauferstehen zu lassen. Viel interessanter ist, wie er sich mit ihr auseinandersetzt.

Manchmal scheint Coltrane unmittelbar präsent zu sein. Dann löst sich diese Erinnerung wieder auf und macht Platz für Potter selbst.

Das ist keine Frage des besseren oder schlechteren Spiels. Solche Vergleiche würden dem Abend ohnehin nicht gerecht.

Es geht um etwas anderes: um musikalische Eigenständigkeit.

Und genau darin liegt vielleicht die größte Verbeugung vor Coltrane. Ein Musiker, der sein Leben lang nach einer eigenen Sprache gesucht hat, wird am überzeugendsten geehrt, wenn ein anderer Musiker nicht versucht, seine Sprache einfach nachzusprechen.

Ein Abend gegen die musikalische Nostalgie

Die Philharmonie Essen ist für einen solchen Abend ein idealer Ort. Der Saal schafft Nähe und Größe zugleich. Man sitzt nicht in einem Jazzclub, und doch entsteht immer wieder diese Konzentration, bei der man das Gefühl bekommt, die Musik finde unmittelbar vor einem statt.

Ich ertappe mich dabei, dass ich irgendwann aufhöre, über das Jubiläum nachzudenken.

Das ist ein gutes Zeichen.

Denn sobald die Jahreszahl 1926–2026 unwichtig wird, beginnt Coltranes Musik wieder dort zu sein, wo sie hingehört: in der Gegenwart.

Man hört nicht mehr „100 Jahre John Coltrane“.

Man hört John Coltrane.

Was bleibt

Als der Abend sich seinem Ende nähert, bleibt bei mir weniger der Eindruck einer klassischen Geburtstagsfeier als der einer musikalischen Begegnung.

Coltrane steht dabei nicht als Denkmal auf der Bühne. Er ist eher eine unsichtbare Kraft, an der sich die Musiker reiben, orientieren und schließlich wieder von ihr lösen.

Das ist vielleicht die schönste Form des Erinnerns.

Denn große Kunst verlangt keine Bewunderung auf Knopfdruck. Sie verlangt, dass man sich auf sie einlässt.

John Coltrane 100 hat genau das getan.

Die WDR Big Band hat Coltranes Musik nicht konserviert, sondern geöffnet. Chris Potter hat ihr eine eigene Gegenwart gegeben. Und Bob Mintzer hat daraus einen Abend geformt, der zeigt, warum Coltranes musikalische Suche auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch nicht abgeschlossen ist.

Als ich die Philharmonie verlasse, ist es deshalb nicht ein bestimmtes Stück, das mir nachgeht.

Es ist dieser Gedanke:

Vielleicht besteht Coltranes größtes Vermächtnis nicht in den Antworten, die er gefunden hat – sondern in der Freiheit, weiterzusuchen.

Und genau deshalb klingt seine Musik, hundert Jahre nach seiner Geburt, noch immer so erstaunlich jung.