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Musiktheater im Revier – DIE PASSAGIERIN

Wer das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen als ein Haus mit einem außergewöhnlichen Ensemble und einem ebenso außergewöhnlichen, oft mutigen Programm kennt, begegnet in dieser Spielzeit einer Oper, für die das MiR eigens seinen gesamten Spielplan umgeworfen und mit einem Rahmenprogramm verbunden hat, das seinesgleichen sucht.


Wie schon bei dem Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Künstlerin“ von 2015 handelt es sich auch bei „Die Passagierin“ um ein Thema aus dem Holocaust. Geschrieben wurde das Stück mit autobiographischen Zügen von der Auschwitzüberlebenden Zofia Posmysz. Ausgelöst durch ein Déjàvu-Erlebnis auf einer Fahrt nach Paris, schrieb sie 1959 eine Geschichte über eine mögliche Begegnung zwischen einer ehemaligen KZ-Aufseherin (Lisa) und ihrer ehemaligen Gefangenen (Marta) – jedoch nicht von ihrer eigenen Warte aus, sondern vom Blickpunkt der KZ-Aufseherin, die sich ihrer Vergangenheit stellen und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen muss.

Die Musik zu dieser Oper stammt aus der Feder von Miecyslaw Weinberg, der den Zweiten Weltkrieg im Moskauer Exil erlebte und dem Buch erstmals durch die Vermittlung von Dimitri Schostakowitsch begegnete. Beide – das Buch wie auch die Oper – sind so vielschichtig, so sehr vom Widerstand der KZ-Häftlinge gegen ihre Vernichtung durchdrungen, was sich ohne weiteres auf die politischen Situationen in Polen wie auch in Russland nach 1945 übertragen ließ, dass sie in den bestehenden Systemen der 60er Jahre nicht veröffentlicht, geschweige denn uraufgeführt werden konnten. Als Buch erschien „Die Passagierin“ 1962, der geplante Film blieb durch den Tod des Regisseurs ein Fragment. Die 1968 vollendete Oper konnte erst Ende 2006 in Moskau konzertant und erst 2010 in Bregenz szenisch uraufgeführt werden und wandert seitdem äußerst erfolgreich durch die Opernhäuser Europas. Das Besondere an dieser Premiere im MiR war die Anwesenheit von Zofia Posmysz, die zum erstenmal seit 70 Jahren den 27. Januar nicht in Auschwitz verbrachte, um der Befreiung und der Toten zu gedenken, sondern um in Gelsenkirchen über den Holocaust zu sprechen und dem Vergessen auf eine ganz andere Art entgegenzuwirken.

Bei der Frage, was man als Deutscher vom KZ darstellen darf und was nicht, legte die Opernregie den Fokus stärker auf Lisas verdrängte Schuld – was sich beispielsweise auch darin zeigt, wie Lisa aus der Schiffswelt kommend in die erinnerte Liebesszene zwischen Marta und Tadeusz einbricht und mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Die Bühne ist die ganze Zeit auf dem Schiff. Mit der Veränderung der Blickwinkel durch Beleuchtung, den vorgezogenen Vorhang, die Projektion von immer schneller erscheinenden Zahlen oder den Wechsel der Kostüme von den 60er Jahren hin zu den Uniformen der SS oder der Gefangenen springt man sowohl in die erinnerte Vergangenheit als auch zurück in die Gegenwart.

Wie intensiv die Szenen auch während der Proben wahrgenommen wurden, lässt sich daran ablesen, dass sich die extreme Spannung oft nur durch Lachen kompensieren ließ, während man gleichzeitig zu Tränen gerührt war. Das Stück setzt nicht auf eine hyperrealistische, zu dramatische Darstellung der authentischen Atmosphäre von Gestank, Gebell und Geschrei, sondern konzentriert sich auf eine philosophische Wahrnehmung des Überlebenskampfes der Frauen in Rückblenden. Durch den Verzicht auf ein originalgetreues Abbild des Lagerlebens bleibt die Handlung spannend bis zum Schluss.


Galerie MIR – Die Passagierin


Nur der Komponist Mieczyslaw Weinberg bezieht mit seiner Musik von Anfang an eindeutige Position und transportiert in ihr das Bestialische und die Grausamkeit des Geschehens. Seine Sympathie gilt ausschließlich den Lagerinsassen und ihrem Versuch, sich einen Rest menschlicher Würde und Träume zu bewahren. Für Lisa und ihren Ehemann Walter hat er nur sehr harte, sein ganzes Missfallen ausdrückende Musik. Aus der Sicht des Zuschauers liegt der extremste Kontrast vielleicht zwischen der unversöhnlichen Musik Weinbergs, der im Holocaust seine gesamte Familie verlor, und der Auschwitzüberlebenden Zofia Posmysz, die nicht nur als Autorin dazu bereit ist, der Lageraufseherin im Rahmen ihrer Möglichkeiten Menschlichkeit zuzugestehen, sondern ihren weitaus größeren Appell an das Publikum von heute richtet – niemals zu vergessen, damit die Stimmen der Opfer niemals verklingen.

Die sich während der Produktion stellende Frage, ob es überhaupt möglich ist, Auschwitz auf die Bühne zu bringen, kann nach dieser Aufführung nur mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Das Zusammenspiel von Musik, Text und Darstellung beschwört auf grandiose Weise Fragestellungen herauf, denen man sich nicht nur in dieser Oper als Publikum immer wieder stellen muss. So gibt es eine Szene, in der sich Lisa gegenüber ihrer Vorgesetzten aus dem Vorwurf, sie sei zu freundlich zu den Häftlingen, mit den Worten herauswindet, sie wolle eine Vertrauensperson sein, damit sie als erste von eventuellen Widerständen erführe. Sowohl während dieses Gesprächs als auch später in den Szenen mit Marta oder Tadeusz oder noch viel später auf dem Schiff kann man sich nicht sicher sein, ob es sich dabei nur um eine vorgeschobene Absicht handelt oder ob es nicht doch dem ehrlichen Wunsch der jungen Frau entspricht.

Die gleichen Fragen bewegen auch Marta als sie über Lisa nachdenkt. Als die Frauen der Baracke später vorsichtig versuchen, die neu hinzugekommenen Häftlinge kennenzulernen, wird durch die Nennung ihrer Namen und die Aufzählung ihrer Heimatstädte aus ganz Europa erst wirklich greifbar, wie weit der Naziterror reichte. Umso mehr, als eine durch ihre Verluste verrückt gewordene Frau einen der zurückgebliebenen Koffer öffnet und sich Asche auf den Boden ergießt. Die Asche verbrannter Leben. In diesem Moment schwingt in Weinbergs Musik der Ausdruck von Widerstand, Hoffnung, Verzweiflung, aber auch ein Gefühl der Todesgewissheit mit.

Es fällt auf, dass das Publikum während der Aufführung der Oper ausgesprochen still ist. Insbesondere bei den älteren Zuschauern ist die Präsenz des Bühnengeschehens fast greifbar. Auf dem Weg in die Pause sagt ein alter Herr: „Da werden Erinnerungen wach…“ Beim Gang durch die Fotodokumentation zu Zofia Posmysz im Foyer des Musiktheaters muss man sich als Betrachter immer wieder selbst dazu zwingen, die Verbindung zwischen dem, was man – sei es durch Schule, Bücher, Erzählungen oder Medien – über die Zeit des Nationalsozialismus weiß, aber dennoch irgendwie als irreal empfindet, und dem dokumentierten Einzelschicksal herzustellen. Was die Begegnung mit der 93jährigen Zofia Posmysz von heute umso beeindruckender werden lässt, da sie sich vom Grauen des Erlebten nicht hat unterkriegen lassen. Sie sagt selbst, dass sie Auschwitz immer mit sich trägt. Dennoch war sie in der Lage, eine Geschichte zu schreiben, in der es nicht um Anklage geht, sondern um verstehen wollen und vergeben können – auch um das Sich-selbst-vergeben-können. Am nachhaltigsten klingt ihre Botschaft in dem Moment nach, da sie sich beim Opernpublikum für das intensive Interesse und die stehenden Ovationen mit den Worten bedankt, allein dies sei es schon wert gewesen, Auschwitz überlebt zu haben.

M. A. Cornelia Kesper



Der Florentiner Hut